Schattenspiele

Zu den sportlichen Aktivitäten zählt das Tanzen nicht, schon gar nicht zu den Aktivitäten, die man schriftlich festhalten soll. Kein Mensch wird allerdings später bei der Entlassung danach fragen. Das abendliche Bier zählt natürlich auch nicht zu den gewünschten Aktivitäten.
Mit Kamil dämmere ich, der Lebensgeschichte vom Erzgebirgler Georg lauschend, dem fragwürdigen Ende eines Herrenabends entgegen. Wir sitzen draußen auf der Veranda der Jägerklause, obwohl es an diesem Wochenende (meinem zweiten) schon ein wenig kühler geworden ist. Georg schwärmt von einer Soljanka und erzählt etwas von den Schubladen, die nicht mehr aufmachen will, wo aber doch manchmal was heraus kommt. Ein Psychotherapeut hat ihm den schlauen Tipp gegeben, man soll mit Menschen, mit denen man nichts mehr zu tun hat, so umgehen wie mit Verstorbenen. Wenn das mal gut geht, denke ich mir und bin entrüstet darüber, schließlich kenne ich mich mit der Endgültigkeit des Todes aus.
Georg raucht eine nach der anderen und redet eigentlich nur über sich. Sein Dialekt erinnert mich an den Dialekt meiner Großmutter. Kamil sagt öfter, Georg sei ein Spinner. Er hat immer sein Handy dabei und nutzt den Internetzugang in der Klinik regelmäßig. Dennoch sitzen wir recht freundlich zusammen, als eine komplette Bezugsgruppe singend, und von einem zu groß gewachsenen Waldorfschüler mit Gitarre begleitet, an uns vorüber zieht. Kamil hält es nicht lange auf dem Sitz. Feiernde Frauen sind genau sein Ding. Das ist wie mit dem Bär und dem Honig. Um nicht allein zurück bleiben zu müssen, schließe ich mich seiner Erkundung an. Während wir mehr oder weniger auf der Wiese stehen, kommt es zu ersten belustigten Wortwechseln, wir singen ein bisschen mit. Die Anführerin der Gruppe ist Renate,
die habe ich schon bei meiner Begrüßung bestaunt, weil sie den mir vertrauten nordhessischen Dialekt sprach. Man sei so gut aufgehoben in der Klinik, die Zeit gehe so schnell herum und man solle sie nutzen. Jeder helfe einem.. Das war mir gar nicht so bewusst, ich dachte an meine sächsische Gummiwand im Speisesaal. Außerdem steht Renate’s Gesichtausdruck im Gegensatz zum Gesagten. Dieser besagt nämlich: mir stinkt’s, lasst mich in Ruhe.
Aber mit ihr muss ich ja auch nicht tanzen. Stattdessen löst sich aus der Ansammlung ein großes schlankes Wesen wie ein Schatten, fordert mich und fortan schweben zu Klängen von Cora und Uta Freudenberg & Co. über die Wiese. (Die ganze Ostscheiße lt. O-Ton Renate)
Ich glaube mich selbst im Arm zu haben und genieße die Situation. Ich stelle fest, dass ein langsamer Walzer, verbunden mit einigen Richtungswechseln, meist für fast alle tanzbare Musik reicht und das erleichtert es. Ich höre von Problemen, höre zu, sage etwas Beruhigendes und merke wie wir inselgleich entschweben. Habe ich nun einen Kurschatten?
Der Nachhauseweg gibt darauf noch keine Antwort, denn wir sind mit der ganzen Gruppe, Kamil und Georg gemeinsam auf dem Rückweg zur Klinik, die wir um 23 Uhr erreichen müssen. Sonst hilft nur das Schellen bei der Nachtschwester und das wird peinlich.

pope am 14.12.08 19:56

Letzte Einträge: Twitter

bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL