Berlin

Am letzten Wochenende fahre ich nach Berlin. Dank der Beschreibung von Konrad aus unserer Bezugsgruppe komme ich problemlos am Ziel in Schöneberg an. Konrad mag keine englische Musik im Radio, findet das Radfahrer mit Helm schon etwas vorhaben und ärgert sich über Lärm und Gewalt in den Berliner Bahnen. Er nimmt mich des morgens mit dem Auto mit, denn er fährt am Wochenende öfter nach hause. Ich steige in die S-Bahn in Marienfelde ein, am Südkreuz um und nehme für das letzte Stück den Bus. Frage mich zur Motzstrasse und dem Victoria-Luise-Platz durch.
Es tut mir gut, von der Klinik entfernt zu sein. Es ist ziemlich kalt an diesem Tag, doch die Sonne kommt ein bisschen heraus. Ich setze mich auf eine Bank mit einem Kaffee und einer Zeitung. Hier soll demnächst gegen eine kleine Kostenerstattung eine Führung durch das russische Berlin der Zwanziger Jahre los gehen. Eine ehemalige Auslandkorrespondentin einer tageszeitung wird die recht stille Gruppe führen. Wir werden vor Häusern stehen bleiben und uns Bilder ansehen, versuchen uns vorzustellen, wie die russischen Künstler hier im Exil gelebt haben.

Das Haus von Nabokov sehen wir ebenso wie das Haus, in dem Marina Zwetajewa gelebt hatte. Zwei Menschen, deren Schicksal nicht unterschiedlicher sein könnte. Nabokov, das Multitalent, verbringt seine letzten Lebensjahre mit seiner Frau in der Schweiz, Zwetajewa erhängt sich nach ihrer Deportation in eine Tatarenrepublik, von ihrem Mann getrennt, der im gleichen Jahr 1941 erschossen wird. Das Bild, das uns von ihr gezeigt wird, zeigt eine dunkelhaarige energische Frau. Wir stehen im Hausflur des Hauses in dem sie gewohnt hat und unsere Führerin liest uns ein Gedicht von ihr vor, dass in Berlin entstanden ist.

An Berlin


Der Regen wiegt den Schmerz ein.

Unter dem Fluten herabgelassener Läden

Schlafe ich. Über den erzitternden Asphalt

Hufe - wie Beifallklatschen.//

Eine Weile lebte sich´s gut, jetzt verschwimmt es.

In meiner golden erglänzenden Verlassenheit

Habt ihr euch, Kasernen, erbarmt

Der märchenhaftesten aller Verwaistheiten!


Sie liest es in russisch vor und es klingt so poetisch, dass man meint die Pferde draußen vorbei laufen zu hören und den Regen am Fenster wahrzunehmen.

Kann man sich in jemanden verlieben, der schon lange verstorben ist? Es wäre nicht das erste Mal für mich. Wir sehen einen eleganten Mann an unserer Gruppe im Treppenhaus vorbei gehen, der fachmännisch feststellt, dass wir wohl alle Zwetajewa-Fans sind. Hier leben offensichtlich besser gestellte Persönlichkeiten.



Zwetajewa hatte hier zwei Zimmer in einer Pension angemietet, sie konnte gut deutsch sprechen und hatte eine romantische Sicht von Deutschland. dennoch blieb sie nicht lange in Berlin. Sie zog weiter nach Prag, um dort ihren Mann zu treffen.

Wieder draußen und auf dem Weg zum Prager Platz merken wir, wie kalt es mittlerweile geworden ist. Auch der Regen wird nicht mehr lange auf sich warten lassen. Nach dem Ende der Führung entschließe ich mich, nicht länger in Berlin zu bleiben. Ich kehre jedoch noch einmal zum Victoria-Luise-Platz zurück und raste kurz. Ich werde nicht in den Genuss kommen, die historisch anmutende U4 zu benutzen, denn ich nehme wieder den Bus zurück. Ich habe keine Lust auf die Innenstadt und den Kurfürstendamm, zuviel erinnert mich an meine kürzliche Stadtrundfahrt. Am Südkreuz nehme ich die S-Bahn nach Potsdam und werde von einem dunkelhäutigen Jungen, der mir gegenüber sitzt, angesprochen. Seine Sprache verstehe ich nicht, er scheint sehr nervös zu sein. Ich soll meine Hand auf seinen Kopf legen. Ich zögere, tue es dann doch. Alles in Ordnung, sage ich zu ihm. Er hat keine Temperatur. Einige Stationen später springt er aus dem Zug und rennt davon. Meine Idee ist nun, vom Potsdamer Bahnhof zur Klinik zu Fuß zu gehen, aber das Wetter macht mir erneut einen Strich durch die Rechnung. Laufen kann ich ja auch von der Klinik aus. Letzlich wird nichts daraus, ich lege mich ins Bett, um mich aufzuwärmen.

Das ist nun einer der letzten Abende hier und ich habe zum ersten Mal seit langer Zeit Ruhe. Richtig glücklich bin ich nicht damit. Aber so ist das mit den Menschen, wenn du sie brauchst, sind sie nicht da. Außerhalb meiner Bezugsgruppe wird wohl am Wochenende nichts laufen. Ich denke, ich werde die Verabschiedungsalbereien dann auch recht kühl an mir vorüber ziehen lassen. Meine Koffer stehen hier, aber packen kann ich sie leider noch nicht wirklich. So sehr ich lust auf ein kühles Bier hätte, allein mag ich mich am Wochenende dazu nicht aufraffen. Mein Gewicht sprocht auch dagegen.

pope am 16.2.09 20:16

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