Mach' Dich dünne!

Zum Repertoire de Patientenchors gehört das unvermeidliche Lied, in dem man aus dem Städele hinaus muss. Vielleicht gibt es ein Wiedersehn? Lena scheint mich und Kamil, der neben mir sitzt, anzulächeln. Während mich die Rührung allmählich packt, die Tränen sich aus den Augen stehlen, scheint sie mir sagen zu wollen: Du genießt jetzt Deinen Abschied.
Nachdem der Vortrag des Patientenchors seinen Abschluss gefunden hat, kommt Lena direkt bei mir vorbei. Ich sitze am Durchgang und halte ihr spontan die Hand zum Abklatschen hin.
Auch dabei lacht sie mir in ihrer verschmitzten Art zu.
Nun will ich noch den Vortrag des Chefarztes hören, der soll ja so souverän sein. Leider hatte er während meines Aufenthalts hier Urlaub. Er spricht u.a. davon, dass zuhause eine Menge Leute gar nicht verstehen werden, warum wir in Kur waren. Das sie glauben, man habe sich erholt und sei jetzt voll belastbar. Das die Wirkung der Kur aber erst verzögert eintreten werde, das sei nachgewiesen. Und das man seinen Abschied bewusst erleben soll, denn so oft seien die letzten Momente die intensivsten. Der Mann ist ein Prophet. Er braucht aber leider ziemlich lange, um sich auszudrücken. Als wir endlich den Raum verlassen, ist Lena nicht mehr anzutreffen.
Mach’ Dich dünne, so sagte mein Vater immer und er pflegte den Abschied vorweg zu nehmen und dessen Zeitpunkt selbst zu bestimmen. Ich habe mich schon verabschiedet, meinen obligatorischen letzten Spaziergang gemacht und dafür eine Einladung zum Kuchenessen ausgeschlagen. In der Jägerklause habe ich mein am Vorabend mitgenommenes Bierglas schweren Herzens abgegeben. Aber was nutzt mir so eine Erinnerung zuhause?
Die Wirtin meinte, ich könne ja in zwei Jahren wieder kommen und ich verabschiedete mich auch von ihr.

Epilog

Grauer Zug

Die Heimat
stellt Forderungen,
meldet an,
was sie fordern will.
Ich werde
Licht in das Dunkel
bringen und
Dein Lachen sicher
vermissen,
den Ort und die Zeit,
die mir blieb.

Der Tag meiner Rückkehr, auf den ich mich so freute. Ich bin mit allem fertig geworden, nichts vergessen. Trotzdem begleitet mich eine Menge Unruhe, die mich zum Glück aber nicht innerlich erfasst. Noch nicht. Paule hatte mir angeboten, mich zum Bahnhof zu fahren,
wollte es gemütlich angehen lassen. Beim Frühstück sehe ich ihn nicht, stattdessen Kamil, der mir spontan anbietet, mich zur Bushaltestelle mitzunehmen. Von Lena sehe ich nichts mehr, an meiner Tür finde ich einen Brief von ihr. So hinterlasse ich die einzigen Visitenkarten, die ich mit hatte an der Rezeption für Lena und einen aus meiner Bezugsgruppe. Am Potsdamer Bahnhof habe ich an diesem trüben Morgen noch ausgiebig Zeit für einen Capuccino. Am liebsten würde ich gleich über die Strasse in den Park hinaus laufen, aber wohin?
Es gibt kein Zurück. Ich lese beruhigt weiter.
Aus dem Lautsprecher erklingt Freddie Mercury: Too much love will kill you.. Ja, Freddie, Du hast recht, aber ohne Liebe sterben wir auch. Auf dem Bahnsteig treffe ich eine Frau aus der Tinnitusgruppe, die Abschiede, wie sie sagt, nicht mag. Viele hätten Kontakte gesucht und keine bekommen oder sich selbst so schwer damit getan. Mir fallen auf Anhieb einige ein, die sehr still waren. Bis nach Berlin fahren wir im gleichen Regionalzug. Dort am Bahnhof treffen wir uns noch einmal, verabschieden uns. Ihr Vater ist in Frankfurt am Main geboren und sie bittet mich, seine Geburtsstadt zu grüßen. Ich verspreche es.
Das kalte Glasdach über diesem Haus, in das Züge herein- und herausfahren, stimmt mich unbehaglich. Ich mag Durchgangsbahnhöfe nicht. Hoch oben über mir steht ein Mann und putzt die Glasplatten, mir schwindelt und ich froh, als der Zug einfährt.
In Fulda ist die schnelle Fahrt zu Ende. Wir müssen in einen anderen ICE umsteigen, unser Zug hat technische Probleme. So stehe ich den Rest der Fahrt, sitze teilweise auf meinem Koffer und sehe den Reisenden über die Schulter, während sie mit Ohrstöpseln auf dem Handy spielen oder ein Laptop vor sich haben. Kein Wunder, denke ich, dass die Menschen alle so nervös sind.

pope am 28.2.09 13:24

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