Im Hier und Jetzt müssen Sie es bringen

Arztbesuche sind meist nicht lustig, aber was man im Rhein-Main-Gebiet erlebt, wenn man den Arzt aussuchen muss, ist schon toll. Spitze sind die Orthopäden. Da gibt es Praxen, da fragt der Anrufbeantworter erst mal, ob man Kasse oder privat ist. Sollte es Einem gelingen, zum Bedienungspersonal vorzudringen, dann ist man hier als Kassenpatient ganz schnell entweder gar nicht gefragt oder man kann sich mit wochenlangen Wartezeiten im Akutfall begnügen. Selbst wenn man dann in den Genuss kommt, behandelt zu werden, ist es nicht sicher gestellt, dass die Therapie auch durchgeführt werden kann. Zuviel zu tun, kann es dann heißen, wenn man z.B. zu einem Verbandswechsel kommen soll. Oft beginnt aber die Behandlung erst gar nicht, man wird im Akutfall gern gleich ans Krankenhaus verwiesen. Auch wenn man eine Leistung privat bezahlt, heißt es noch lange nicht, dass man pünktlich dran kommt. Eine Heerschar von Dermatologen macht sich bekanntlich nicht nur um die Hautkrebserkennung verdient, nein sie bewältigt auch allerhand kosmetische Operationen. Da verschiebt sich gern mal ein Termin. Generell ist allen Ärzten gemein, dass sie es entweder nicht wissen oder aber es auch nicht wissen wollen: es gibt Patienten, die sind berufstätig. Die haben keine Zeit den Schlamassel auszubaden, der durch schlechte Terminkoordination und unwilliges Praxispersonal verursacht wird. Da ist man als normaler Prolet manchmal froh, wenn das Vorzimmerpersonal gleich das Telefon den ganzen Tag aushängt und der Anrufbeantworter ausgeschaltet ist oder nicht existiert. Ansonsten sitzt man ganz schnell in der Zeitfalle. Denn daran zu denken, dass man den Patienten über drohendes Ungemach in Form von verschobenen Terminen informiert, das ist nicht drin. Genauer ist man da schon beim Erbringen von Leistungen. Zahlt nur die Kasse, dann geht man nach einer durchgeführten Zahnprophylaxe schon mal mit deutlich sichtbarem Zahnstein auf den Vorderzähnen aus der Praxis, denn die Entfernung desselbigen auf auch nur einem Zahn wäre keine Kassenleistung mehr. Auch Zahnärzte haben selbstredend viel zu tun und so übernimmt ein Heer von Zahnarztassistentinnen und Zahnarzthelferinnen das, was früher der Zahnarzt selbst erledigte. Diese Damen verfügen über ein außergewöhnliches Geschick, die Patienten pädagogisch zu malträtieren. Macht man hier den Fehler, sich als Kunde zu fühlen, so ist es mit dem Recht auf Information für die Zukunft aus. Ja, die Macht haben mehr und mehr die Vorzimmerdamen. Die Ärzte selbst haben kaum noch Zeit, sind selbst viel zu gestresst, sich eine Allerweltsburnoutproblematik anzuhören. Je nach gusto gibt es beim Nervenarzt erst mal das, was die pharmazeutische Schulmedizin her gibt (da wird erst mal ausgiebig getestet) oder beim gut meinenden Hausarzt erst mal ein hoch dosiertes Johanneskraut. Im Zweifelsfall wird noch nebenberufliche Psychotherapie empfohlen. Und guten Therapeuten soll man dann auch ruhig nach fahren. Manche Zeitgenossen schaffen es jedoch damit, wochenlang krank zu sein, anschließend monatelange Rehamaßnahmen zu durch laufen, um dann froh gelaunt in die Firma zurück zu kehren. Ärzte sind halt auch nur Menschen. Wer glaubt, dass sei in großen Städten wie Frankfurt so, der täuscht sich. Auf dem Lande will kaum noch ein Arzt das normale Kassenpublikum. Da gibt es manchmal nur eine Arztpraxis, wo alle hin müssen. Hier haben die Rentner das Sagen, denn sie haben die Zeit meist im Nacken. Bei der Blutabnahme am morgen sind sie die ersten und wer zuerst kommt, malt auch zuerst. Die Ärzte laufen verwirrt von einem Behandlungszimmer zum anderen und wissen meist nicht mehr, warum dieses oder jenes Gesicht wieder gekommen ist, obwohl sie selbst das veranlasst haben. Neben der beliebten Frage „Warum sind sie hier“, die einen in der Regel schon sehr an der eigenen Erkrankung zweifeln lässt, weiß der Arzt dann auch nicht nur das nicht mehr. Manchmal muss er bei weniger oft vorkommenden Erkrankungen wie Schnupfen und Heiserkeit (oder dem Wunsch nach einer Krankmeldung) erstmal googeln, was der Patient denn haben könnte oder einen Kollegen fragen, der sich damit aus kennt. Da können schnell statt einer Divertikulose Rückenprobleme diagnostiziert werden. Woran liegt das alles, mag man sich fragen. Früher hatte man doch noch einen Arzt, der persönliche Worte für einen hatte, der einen sozusagen kannte oder zumindest doch wieder erkannte und sogar noch über fachübergreifende medizinische Grundkenntnisse verfügte. Aber das ist müßig, es liegt am Geld. Alle wollen es gern verdienen, also wird verordnet, was die eigene Praxis her gibt und die Krankenkasse gerade noch bezahlt. Und da gibt es noch die IGEL-Leistungen oben drauf. Kann der Patient die Notwendigkeit einer solchen Zusatzleistung mangels Kenntnis nicht beurteilen, so verzichtet die Krankenkasse vermutlich aus Kostengründen darauf zu prüfen, ob und was für den Patienten tatsächlich notwendig gewesen wäre. Und eigentlich wissen wir das ja auch alles, wundern uns aber immer wieder. Die Verantwortung für die eigene Therapie liegt bald nicht mehr in ärztlicher Hand, der Patient selbst muss sich in die Lage versetzen, Entscheidungen zu treffen. Das fängt bei der Hinterfragung der Blutergebnisse an, wo für den Arzt nur interessant ist, ob die Norm eingehalten wurde, weil er die Tendenzen gar nicht auswertet. Wer sich nicht selbst helfen kann, wird spätestens im Krankenhaus aufwachen oder gar nicht mehr. Im ersten Fall wird er sich die Frage gefallen lassen müssen, warum er nicht früher zum Arzt gegangen ist.

pope am 26.4.13 18:04

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